Besichtigung der historischen Kellergewölbe und Gänge Dieburger Straße/Mathildenhöhe in Darmstadt

Unterhalb der Alexander- und Dieburger Straße verläuft in ca. 8 bis 10 m Tiefe ein Tunnel, der ursprünglich vom Schloss bis zum Heiligen Kreuzberg verlaufen sein soll. Bekannt sind ein in den Felsen (Granodiorith) geschlagener Abschnitt zwischen der Stiftstraße bis zur Odenwaldbrücke mit einer Länge von 500 m und ein kurzes Stück von etwa 20 m östlich der Odenwaldbrücke. Die jeweiligen Enden sind entweder zugemauert oder verschüttet. Der Tunnel hat eine schwankende Größe zwischen 80 und 1,20 m Breite und einer Höhe zwischen ca. 2,50 und 0,60 m. Sein Alter und seine ursprüngliche Funktion sind unbekannt. Eine mittelalterliche Entstehungszeit ist nicht auszuschließen. Eine Nutzung als Wasserkanal zur Füllung des Schlossgrabens, als Flucht- oder Versorgungstunnel ist denkbar.

Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts haben Darmstädter Brauereien den Tunnel für ihre Zwecke genutzt: sie führten ihr Schmelzwasser aus den Kühlkellern durch den „Brauertunnel“ ab. In den Zeiten des stürmischen Wachstums Darmstadts hatten die Brauereien in der Altstadt nicht mehr genügend Lagerplatz für das Bier, weshalb 12 Brauereien sich am nördliche Hang der Mathildenhöhe niederließen und in den Felsen etwa 100 Kellergewölbe zur Bierlagerung schlugen. Die in ca. 8 bis 10 m Tiefe angelegten Keller haben über das ganze Jahr eine gleichmäßige Temperatur von 8 bis 10 Grad Celsius. Die beim Nachgärungsprozess des Bieres erforderlichen kälteren Temperaturen von ca. 4 Grad Celsius konnten mit Hilfe des im Großen Woog im Winter geschlagenen Eises, das in „Kühldomen“ gelagert wurde, erreicht.

Nach der Erfindung der Kühlmaschine Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Nutzung der Lagerkeller nach und nach aufgegeben. Im Jahr 1933 mietet die SA Darmstadt ein Kellersystem in der Dieburger Straße an und nutzte es als Kerker. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Keller als Luftschutzbunker ausgebaut. Heute stehen die Keller unter Denkmalschutz und sind bei Führungen teilweise zu besichtigen.

Der von Mitgliedern des MAIV besichtigte ehemalige Kühlkeller Dieburger Straße 80 gehörte der Brauerei Heinrich Orlemann. Von einem rund 25 Meter langen, 4 Meter breiten und 3 Meter hohen Hauptkeller gehen mehrere Seitenkeller ab: so ein etwas tiefer gelegener "See", eine gemauerte, 8 Meter hohe Kuppel des "Kühldoms" und verschüttete ehemals weiter führende Gänge. Die Anlage entstand vermutlich zusammen um 1882.

Darmstadt, den 13. September 2013

 

Dipl.Ing. Nikolaus Heiss, Architekt,

Denkmalpfleger der Wissenschaftsstadt Darmstadt a.D.

Mathildenhöhe Koordinator

 
strich

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